Sportwissen aktuell: Rückenschule, Rückentraining, Rückenschmerz

 

 

 

Rückenschule im Kinderturnen

Jedes zweite Kind, so zeigen Untersuchungen, weist heutzutage Haltungsschänden auf. Doch dies ist kein neues Phänomen, schon sehr lange sind derartige Probleme bekannt, wurden jedoch aufgrund mehrer Faktoren erst in jüngerer Zeit aufgegriffen. So ist es derzeit in und auch förderungswürdig, sich für Kinder und deren Gesundheit einzusetzen und nicht zuletzt deshalb erfährt die kindliche Haltungsschule vermehrt Aufmerksamkeit.

Doch auch ein verändertes Bewegungsverhalten, insbesondere auf die Umwelteinflüsse zurückführend, hat Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung der Kinder. Dabei darf nicht generell von negativen Einflüssen gesprochen werden, vielmehr sollte die Betonung auf Veränderung liegen, mit der wir - sowohl wir Erwachsenen, als auch unsere Kinder - lernen müssen, umzugehen. Vorbei sein müssen die Zeiten, in denen immer noch negativer über die Entwicklung der Kinder aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit "früher war alles besser" argumentiert wird. In diesem Zusammenhang Vergleiche heranzuziehen, indem Kinder früher mehr Liegestützen und Klimmzüge konnten und daraus den Verfall der körperlichen Entwicklung zu attestieren ist nur eines dieser absurden Beispiele. Es ist trivial, dass Kinder früher mehr Klimmzüge konnten, wenn man sich die Inhalte des Schulunterrichts anschaut, in der diese Form der körperlichen Ertüchtigung regelmäßiger Bestandteil des Sportunterrichts war. Heutzutage wird ein Lehrer als altmodisch betrachtet, lässt er die Kinder mit denselben Formen wie früher trainieren.

Das Kinderturnen hat den gesundheitlichen Aspekt schon sehr früh erkannt. Bereits mit dem Grundsatzprogramm Kinderturnen wurde in den 80er Jahren der Grundstein für eine ganzheitliche, auf Gesundheit ausgerichtete, vielfältige Entwicklung der Kinder plädiert. Die Rückenschule im Kinderturnen führte dabei ein Schattendasein und wird es auch weiterhin führen, zumindest unter dem Begriff Rückenschule, da dieser geschützt ist und nicht von jedermann verwendet werden darf.

Was gilt es bei der Rückenschule für Kinder zu beachten?

Wir müssen zunächst klären, welchen präventiven Bereich wir ansprechen wollen. Da wir als ÜbungsleiterInnen nur bedingt an den Verhältnissen ansetzen können, etwa die Veränderung von Sitzmöbeln in der Schule oder zu Hause (über Empfehlungen), wird das Hauptaugenmerk auf der Verhaltensprävention liegen. Berücksichtigt werden muss weiterhin, dass wir keine Kinder therapieren wollen, das sollten wir speziell ausgebildeten Therapeuten überlassen. Somit finden wir uns in der Primordial- und Primärprävention wieder, sprich unser Ansatz zielt auf Kinder ab, die noch keinen nennenswerten gesundheitlichen Beeinträchtigungen haben.

Diese Kinder wollen wir an einen bewussten und gesundheitsorientierten Umgang mit ihrem Rücken (bzw. Körper) heranführen, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger auf zukünftige Probleme in 20 oder 30 Jahren hinzuweisen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und können diesen Zeithorizont auch noch nicht fassen. Das abstrakte Vorstellungsvermögen der 4 bis 12jährigen Kinder ist noch nicht ausgebildet und Prävention ist für Kinder dieses Alters kein relevantes Thema. Mit diesen Voraussetzungen nun lässt sich die Rückenschule konkretisieren. Dazu ist es nicht zwingend notwendig, dass spezielle Sportgeräte eingesetzt werden, denn es geht auch auf andere Art und Weise.

Was sollte die Rückenschule im Kinderturnen beinhalten?

Praxis, Praxis und nochmals Praxis? Nicht ganz, denn um am Verhalten anzusetzen, ist das dazugehörige Wissen von Nöten. Dies gilt es spielerisch zu erarbeiten, wobei auch hier der Spaß im Vordergrund stehen muss. Wir holen unsere Kinder also da ab, wo sie am besten zu motivieren sind: beim bewegen (Kleine Spiele, Übungen mit Geräten), basteln, malen, singen, Phantasie- und Rollenspiele. Dabei sollen u.a. Informationen über die Anatomie und Physiologie der Wirbelsäule, Informationen über Schmerzentstehung und rückenfreundlicher Einsatz von Materialien des Alltags thematisiert werden.

Beispiele

Geschichten zum Spielen: Heben und Tragen

Die Gruppe wird geteilt und beide Gruppen erhalten unterschiedliche Aufgaben zum Spielen. Die beiden Gruppen wissen voneinander nicht, welche Geschichte gespielt wird. Gruppe 1 spielt zuerst, Gruppe 2 muss raten und umgekehrt.

Gruppe 1: Urlaub, Auto für die Fahrt in die Ferien packen, Taschen, Koffer, Spielzeug türmen sich im Haus und müssen ins Auto gepackt werden. Hoffentlich muss niemand zu Hause bleiben.

Gruppe 2: Nach 4 Wochen Urlaub und einer langen fahrt sind wir wieder zu Hause. Das Auto muss ausgepackt werden, plötzlich fängt es an zu regnen, es ist eisig kalt und muss ganz schnell gehen. Immer wieder schweifen die Gedanken zurück in die Sonne und den Urlaub.

Geschichten zum Spielen: Bahnhof

Geschichte wird vom ÜL vorgelesen/erzählt. Danach spielen die Kinder die Geschichte nach, sie soll sich durch die Gruppendynamik weiterentwickeln. Hilfen: Zuteilung von bestimmten Rollen, Ansage von Handlungen, Aufteilung in Abschnitte. Wir befinden uns am Bahnhof und warten auf die Ankunft unseres Zuges. Es ist kalt und windig, endlich fährt der Zug ein. Die Wartenden nehmen ihre schweren Koffer, Taschen und andere Gepäckstücke und wollen einsteigen. Etwas abseits steht eine Fee. Plötzlich ertönt ein helles Signal ... Alle Taschen, Koffer, etc. werden leicht und leichter, beginnen zu schweben, fast werden die Fahrgäste vom Bahnsteig weggezogen. Da ertönt wieder das helle Signal und das ganze Gepäck ist wieder so schwer wie zu Beginn.

Basteln eines Bandschis

Holzklötze aussägen (8x5cm und 3cm hoch), an den Kanten abrunden. Größe der Wirbel kann leicht variieren. Bandschi aus Schaumstoffresten passend zu den Wirbeln schneiden, ggf. mit bunten Stoff überziehen.

Basteln: Gestaltung einer Wirbelsäule eines Riesen

Es werden zwei Rollen Packpapier in der Breite aneinander geklebt. Auf dem Backpapier den Körper eines Riesen skizzieren. Die Wirbelsäule wird im Verlauf ebenso eingezeichnet. Die Kinder gestalten gemeinsam das Aussehen des Riesen. Dabei wird der Verlauf der Wirbelsäule deutlich. Die Wirbel und Bandschis werden vom Gesamtbild besonders hervorgehoben (plastisch, farblicher Kontrast).

Verdeutlichung der Wohnung der Bandschis

Alle Kinder bilden eine Reihe, zwischen zwei Kindern steckt jeweils ein Luftballon. Die Luftballons sind die Bandschis, die Kinder die Wirbelkörper. Die Kinder setzen sich in Bewegung und gehen langsam geradeaus, ohne die Luftballons oder den Vordermann zu halten. Der Vordermann bleibt plötzlich stehen, die Bandschis puffern den Stoß ab. Dann geht es weiter, ab in eine Kurve. Hoffentlich bleiben alle Bandschis an ihrem Fleck (sonst Bandscheibenvorfall). Die Wirbel werden im Rücken von Muskeln festgehalten, damit die Bandschis nicht so leicht rausfallen (Kinder legen ihre Hände auf die Schulter des Vordermanns). Nun lässt sich die Kurve schon viel leichter gehen/laufen, viel weniger Bandschis fallen heraus (so wichtig sind kräftige Rückenmuskeln!).

Wahrnehmung: Bierdeckelentspannung

Bequem in Bauchlage liegen, wenn Du möchtest, schließe die Augen (darf jedes Kind selber entscheiden). Keiner redet mehr! Dein Partner legt Dir Bierdeckel auf den ganzen Körper und Du spürst, wie schwer die vielen Bierdeckel sind. Lege Deine schweren Gedanken auf die Bierdeckel, diese werden noch viel schwerer. Wenn alle Bierdeckel liegen, fängt Dein Partner an, die wieder runter zu nehmen, Du merkst, wie leicht Du wirst. Mit jedem Bierdeckel wirst Du leichter, Deine schweren Gedanken verschwinden zusammen mit den Bierdeckeln und Du fühlst Dich richtig gut.


Die Geschichte der Bandschis 

  • Geschichte vorlesen, spielen bzw. zeigen (auch mit Materialien)

Hast Du schon einmal etwas von den kleinen Wesen gehört, die Bandschis heißen? Wir, die Bandschis, sind kleine Geschöpfe, die in Deinem Körper wohnen. Als Bandscheiben nennen wir uns Bandschis.

Wusstest Du, dass wir in Deinem Körper wohnen? Wahrscheinlich schon - oder? Aber weißt Du auch Genaueres über uns? Wahrscheinlich nicht. Macht nichts, wir erzählen Dir gerne ein Bisschen von uns.

Die Wirbelsäule, in der wir wohnen, ist im Körper am Rücken. Unser hohen Wohnhaus besteht aus vielen einzelnen Knochen, die Wirbel heißen. Die 24 Wirbel sind übereinander aufgebaut, wie ein großes bewegliches Hochhaus. Damit nicht immer Wirbelknochen auf Wirbelknochen schlägt, wohnt zwischen zwei Wirbeln jeweils einer von uns, ein fleißiger Bandschi.

Zwei Wirbel bilden die Wohnung für einen Bandschi. Wir sind fröhliche Wesen und spielen am liebsten den ganzen Tag. Bei einem unserer Spiele helfen wir Dir, Deine Wirbelsäule zu bewegen. Ohne uns Bandschis wäre Deine Wirbelsäule steif wie ein Stock, Ein zweites Spiel von uns besteht darin, die vielen Stöße zu dämpfen, die Dein Körper den ganzen Tag abbekommt. Wir federn alles ganz weich ab. Wir sind ja sooo wichtig für Deinen Körper.

Einige unserer Geheimnisse wollen wir Dir verraten. Das Wichtigste für uns ist, dass Du Dich viel bewegst. Wie schön wäre es, wenn Du Sport treiben würdest! Beim Toben, Springen, Laufen, Klettern, Ballspielen geht es uns richtig gut. Dagegen machst Du uns ganz unglücklich, wenn Du stundenlang sitzt.

Natürlich musst Du auch mal stillsitzen. Sonst könntest Du kein Buch anschauen oder lesen, nicht mit Deinen Eltern kuscheln, kein Spiel in Ruhe spielen und - ganz wichtig!! - auch in der Schule nicht richtig aufpassen. Gegenkürzere Sitzpausen haben wir nichts einzuwenden, vor allem, wenn Du uns beim Sitzen trotzdem viel Platz in unseren Wohnungen lässt.

Richtig ungemütlich wird es für uns, wenn Du jeden Tag stundenlang vor dem Fernseher oder Computer hängst, Dich von Stuhl zu Stuhl bewegst, Deine Eltern Dich immer mit dem Auto chauffieren und Du Dich nur in der Bude herum treibst. Dann wird es in unseren Wohnungen ungemütlich und eng. Du hältst dann Deine Wirbelsäule lange Zeit am Tag krumm und wir haben kaum mehr Platz in unseren Wohnungen für Spiele.

Doch Du kannst sehr leicht dafür sorgen, dass wir - Deine Bandschis - uns wohl fühlen!

Versuche, Dich möglichst viel zu bewegen. Was immer Du auch gerne machst - Skateboard, Roller oder Rad fahren, Ball spielen, Tanzen, Turnen, Bäume klettern oder durch Wald und wiesen streifen: Wir, Deine Bandschis sind glücklich dabei.

Und noch ein kleiner Tipp: Doppelt soviel Spaß machen diese Unternehmungen mit Deinen Freunden oder mit Mama und Papa. Auf diese Weise jubeln nicht nur Deine Bandschis, sondern auch die Deiner Freunde und Eltern. Das gibt ein fantastisches Freudenkonzert. Also, auf geht´s!

Damit Du möglichst oft an uns Bandschis denkst, helfen Dir drei Bandschireime:

  • Nutz jede Gelegenheit um Dich zu bewegen
    um so Deine Bandschis zu pflegen.
  • Achte beim Gehen, Sitzen und Bücken
    auf Deinen aufrechten Rücken,
    so kannst Du Deine Bandschis entzücken.
  • Springen, Laufen, Schaukeln, Bälle werfen und Bäume klettern,
    Juhuu Bandschis, da gibt´s nichts zu meckern.

Zum Schluss unserer Erzählung über uns Bandschis verraten wir Dir noch eine unserer Eigenschaften. Bandschis sind nicht nachtragend und vergessen schnell Unannehmlichkeiten, die Du ihnen bereitet hast. Solltest Du mal einen schlechten Tag haben und länger mit krummen Rücken sitzen und Dich zu müde fühlen, um Dich zu bewegen, dann mach Dir keine Sorgen um uns. Gönne Dir eine Pause und sammle Kräfte, um danach wieder mit viel Freude einen bewegten, bandschifreundlichen Tag zu verbringen.

Literaturhinweis:

Kollmuß, Sabine & Stotz Siegfried (2001). Rückenschule für Kinder - ein Kinderspiel. München: Pflaum. ISBN: 3-7905-0850-0 (€ 15,95)

Kollmuß, Sabine (2003). Happy Bandschis®. Rückenfreundliches Verhalten im Alltag - ein Kinderspiel. München: Pflaum. ISBN: 3-7905-0909-4

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